"Die Sterne zwingen nicht, aber sie machen geneigt" (Joh. Kepler u.a.)

Astronomische Uhr im Dom zu Münster [Dombroschüre Lit. 11]

Wenn es wahr ist, erleben wir unbewusst von kindauf an ein ureigenes, von der Natur in uns „angelegtes Geburtshoroskop“(?) Dann allerdings auf eine allzumeist eher unvorhersehbare Art und Weise. Nicht so, wie allzu oft fehlerhaft-menschliche und unvollständige Deutungen es uns nahe legen, oder wir immer uns wünschen wollen.

   Das Leben ist (k)ein Wunschkonzert?

Nicht jeder mag das so erkennen. Einerseits, weil das möglicherweise nicht mehr zu seinen -individuell unterschiedlichen- Talenten gehört. Sicherlich anderseits ebenso entwicklungspsychologisch verursacht. Indem jener astralpsychologische Anblick eines 'Himmels', welcher (wie auch immer) in der Antike ja noch vergleichsweise klar war, sich in den nachfolgenden 1500 Jahre deutlich aber/gläubig eingetrübt hatte. Irgendwie recht „Fische-archetypisch“, für denjenigen, der um die solche eine Be-deutung weiß.

Da wäre zum einen solch’ „mittelalterliche“ Zuckerwürfel- und Zeitungs-Astrologie, die schlimmstenfalls ihr abhängig machendes Suchtpotential unfrei entfaltet. Zum anderen ein Kultur-zerstörerischer Umgang mit Märchenmetaphern, wenn man sie allzu buchenstabengetreu interpretiert. Hingegen lässt ja seriöse Astrologie den menschlichen Willen völlig frei! Was unsere naturgegebenen Neigungen und Talente angeht, ist auch sie lediglich teil-deterministisch.

Propaganda im Paradies – gegen den ‚Baum der Erkenntnis’?

Tora und Bibel, und mit ihnen das Neue Testament, entstammen ja vorwiegend dem Zeitgeist der frühen Antike. Viele der mystischen Bilder, heiligen Zahlen und Gleichnisse aus ursprünglich heidnischen Mehrgötterkulturen wurden bereits ins Alte Testament übernommen - von Assyrien/Palästina über die babylonische Diaspora, Ägypten, bis nicht zuletzt aus dem griechischen Raum.Wiederzufinden im „Baum der Erkenntnis“, der altjüdischen Kabbala, aus dessen philosophischen Garten der vor- abrahamitische Jawe (JHVH) die Menschen angeblich vertrieb.

TIERKREIS im jüdischen Museum in Warschau Herzstück der -neuen- Ausstellung ist die detailgenaue Nachbildung einer Synagoge Gwozdziec, einem Ort in Galizien, der damals zu Polen gehörte und heute ukrainisch ist.    Das Original, das im 17. und 18. Jahrhundert erbaut wurde, wurde von den Nazis zerstört.

Und zwar, nachdem die Schlange (sexueller Begierde) das Weib Eva dazu anstiftete, die eine verbotene Frucht, den symbolischen Liebes-Apfel, mit Adam gemeinsam zu teilen... Ein (un)gewöhnlicher Apfel. Dessen mittig zerteiltes Kerngehäuse –wie immer- das venusische Pentagramm schön nachzeichnet! Symbol der babylonischen Fruchtbarkeitsgöttin Ishtar - friedfertig in Venus als Abendstern. Im Morgenstern, dem Lichtbringer „Luci-fer“, mitunter jedoch durchaus auch kriegerisch zugleich. Gegen den die Orthodoxie mit dem angeblichen „Sündenfall“ doch so heftige Propaganda auffuhr (vgl. Venus, Maria Magdalena und die Wiederauferstehung des Heilig- Weiblichen von Emily Trinkaus.

Die symbolische Venus, die sich genauso im Heiden- wie auch im frühen Christentum wiederfindet - als Weihnachtsstern (Be-deutung vgl. Dieter Koch)

Geburt der Venus von Botticelli

Wurden solche heidnischen Symbole im Alten Testament noch entweder monotheistisch umgedeutet oder aber gleich ganz verboten, befinden sich im Neuen Testament deutlichere Hinweise auf eine vorsichtige Rückbesinnung (bzw. „Re-naissance“ = franz. Wiedergeburt) der astralen Ur-Religion wieder [vgl. Lit. 5]. Urchristliche Thealogie, jener von Kaiser Konstantin ab 325 n. Chr. (Konzil zu Nicäa) gewaltsam in den Untergrund verbannten Gnosis, war philosophisch wohl viel enger mit dem Weltbild des Neuplatonismus verknüpft, als es heutigen Kirchen, orthodoxem Judentum oder dem vergleichsweise jungen Islam wohl lieb sein kann. Sind doch die metaphorischen Inhalte solch' kulturell transportierter (Götterarchetypen)Bilder leider kaum über eine wortgetreue Übersetzung zu fassen. ..Falls man sich –wie ein Luther- nur allein darauf verlassen will.

„…Wer es fassen kann, der fasse es!“ Matthäus 19, Vers 10

Wie tief solche Missverständnisse bei Legenden, Bildern und Metaphern in unserer neuzeitlichen Kultur noch heute verwurzelt sind, zeigt sich am Beispiel des biblischen Gleichnisses ‚Von den Talenten’. Kirchlich-dogmatisches Verständnis führt/e hier zu erheblichen Fehl-be-deutungen. So scheint es schlichtweg logisch unverständlich, warum der 'eine' denn –angeblich- so viel mehr bekommt als ein anderer. Und wenn der mit der „Fünfer-Qualität“ es dann auch noch ausgibt hat, bekommt er noch einmal „so viele“ Talente hinzu? - Das ist doch vällig ungerecht gegenüber demjenigen, der lediglich "ein“ Talent besitzt! Und dem wird das „eine“ sogar noch weggenommen, weil er es vergraben hat?!

Das Gleichnis von den Talenten

Wie viele andere Bibelstellen, wird auch dieses Gleichnis wohl dann erst stimmig, wenn man es in seinen ursprünglichen Kontext der Antike zurechtrückt. Und der macht in dem astrologisch fundierten Weltbild der damaligen Zeit auch viel Sinn: Nämlich dass „Fünf-Talent(e) nichts anderes als Haus-5-Qualität (entsprechend Tierkreiszeichen Löwe) symbolisieren. Genau wie „Ein(s)-Talent“ das 1. Haus entsprechend dem Widder meint.

Wer seine Neigungen und Talente nun anwendet (= (ver)ausgabt) und dadurch hinzulernt, erhält noch einmal „fünf neue“ Talente hinzu. Womit, mathematisch spielerisch addiert, doch wohl eher die 10.-Haus-Steinbockqualität gemeint ist, als, heute interpretiert, frühkapitalistische Münzzählerei. Und jene unmissverständliche Warnung: wer „sein (ganz-gleich-welches-Haus-)Talent nun versteckt“, erfahre am Ende den Gefühlszustand „Heulen und Zähneklappern“ (= Depression?). Weil er dann auch buchstäblich vor dem inneren Nichts steht.

Solch' stimmige und aller Wahrscheinlichkeit nach ursprüngliche Bedeutung des antiken Gleichnisses hat Christine Lindemann ausführlich entwickelt. Sie ist nachzulesen in ihrem wundervollen (E-)Buch ‚Die Handschrift Gottes lesen – Astrologie[Lit. 9].

Demzufolge sollten wir unsere Kinder nicht „gegen ihre innere Natur“ umerziehen wollen, auch wenn das nun für einige (Eltern) schwer auszuhalten scheint.  Sondern sie sich besser -je nach gegebenen Möglichkeiten- relativ frei entfalten lassen. 

Kritiker denken nun, 'Nein sagen' und Grenzen setzen sei wichtig, wenn man ein Kind erzieht.  Wirklich? ..."Die Burmesen zeigen (jedoch), dass es auch anders geht." Gebe man schon Babys einen relativ freien Willen, hören ältere Kinder meist von ganz allein mit dem Unfug auf, meint -sinngemäß- der Pagodenwächter in diesem (klick) Spiegel-online-Bericht. Obwohl wir natürlich alle irgendwelchen Be-Grenzungen unterliegen, Erwachsene wie Kinder gleichermaßen. "Nicht-autoritär" muss ja nicht gleich 'anti-autoritär' heißen. Ein Begriff, der oft von Gegnern des frei-willigeren Erziehungsstils verwendet wird. Wie auch immer individuell ausgestaltet..., doch Kinderrechte, die den ungebrochenen Willen auch des Kindes (je) nach Möglichkeit mitberücksichtigen, sollten darin enthalten sein.

Martin Lindemann, den 30.07.2015

 

-Gedicht-

Von den Kindern - Khalil Gibran

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

 

Khalil Gibran, Dichter, 1883-1931, geboren im Libanon, ausgewandert in die USA [Lit. 14].